Kaspisches Meer

 

Am kilometerlangen Sandstrand nördlich von Machatschkala kletterte das Thermometer auf neunundzwanzig Grad. Die Sonne brannte auf die mitgebrachten Sonnenschirme und die aufgespannten Tücher. Darunter bewegte man sich möglichst nicht. Familienclans hatten sich für einen faulen Tag des Nichtstuns eingerichtet, ihre Klappstühle aufgeklappt, die Kühltruhen eingegraben und ihre Burgen gebaut. Ein dicker, behaarter Mann schnarchte, eine Mutter fächelte mit einem Stück Karton ihrem unruhigen Baby Luft zu. 

Die Sary-Kum-Dünen im Landesinnern hatten sich aufgeheizt und das letzte Lüftchen Seewind verabschiedet. Die jungen Männer, die vor einer Stunde noch barfuß Fußball gespielt hatten, belagerten mit Bierflaschen den schattigen Kiosk bei der Mole. Die alten Männer, die dort am Morgen noch ihre Angelruten nach Karpfen und Heringen ausgeworfen hatten, waren verschwunden. Siesta. In der heißen Luft fiel das Atmen schwer. Nur selten raffte sich jemand auf, um träge zum lauwarmen Wasser zu spazieren und darin herumzustehen. 

Plötzlich wurde die Stille von einem kleinen Jungen im Wasser zerschnitten, der schrill schrie. »Meer! Meer! Es ist ein Meer!« 

Sein Vater schüttelte den Kopf. »Nein, Zalim. Ich habe es dir doch erklärt. Das Kaspische Meer heißt nur so, ist aber in Wirklichkeit ein See, der größte See der Welt.« 

Trotzig und schrill. »Nein! Meer! Meer! Meer! Meer!« 

Am Strand drehten sich einige Köpfe. Die, welche sich die Mühe gemacht hatten, sich zu bewegen, sahen einen etwa achtjährigen Jungen, schlaksig und braun gebrannt, der bei jedem Wort mit den flachen Händen das Wasser aufpeitschte. 

Doch dann wurde es wieder still.

Der Vater, ein stattlicher Mann im besten Alter, hatte den Sprössling mit kräftigen Händen gepackt und unter Wasser gedrückt. Hätte im hüfttiefen Wasser jemand neben ihm gestanden, hätte er das Blubbern von Luftblasen gesehen, er hätte im Atem des Vaters den Alkohol gerochen und gehört, wie er zornig murmelte: »Das wird dir eine Lehre sein. Mir widerspricht niemand. Niemand! Auch du nicht, Sohnemann.« 

Doch die Herumliegenden hatten ihre Augen längst wieder geschlossen und dösten in der sommerlichen Hitze weiter. 

Unter Wasser strampelte und tobte der Junge wie die Karpfen an den Angeln der alten Männer. Er hieb mit kleinen Fäusten auf seinen Vater ein und versuchte sich aus dem eisernen Griff herauszuwinden. In seiner unbändigen Wut, seiner kindlichen Unerfahrenheit verausgabte er all seine Energie, obwohl ihm sein strenger Trainer im Ringen eingetrichtert hatte, er müsse seine Kräfte einteilen. Sein spitzer Ellbogen traf den Schritt der engen Badehose seines Vaters. Er spürte, wie dieser zusammenzuckte und sich der Griff lockerte. 

Prustend tauchte er auf, holte Luft. »Meer!« 

Doch bevor er ein weiteres Mal »Meer!« schreien konnte, traf ihn eine klatschende Ohrfeige, die seinen Kopf zur Seite schleuderte. Am Strand sah er seine Mutter und seine Schwester, beide in Tücher gewickelt. Teilnahmslos. Sie dachten wieder nur ans Essen. Von ihnen konnte er keine Hilfe erwarten. 

Sein Vater packte ihn wieder, zog ihn heran. So nah, dass er die Wassertropfen in den buschigen Augenbrauen sah. »Was fällt dir ein, mich in mein bestes Stück zu schlagen?« 

Der Junge spuckte Salzwasser und schleuderte seinem alten Herrn frech grinsend dessen eigenes Motto entgegen. »Hauptsache, ich gewinne, egal wie.« 

Die Augen seines Vaters verengten sich.

Der Junge holte tief Atem und sagte ruhig. »Meer.«

Dann wurde er wieder unter Wasser gedrückt.

Er hielt trotzig die Luft an. Er würde es ihm zeigen. Er wehrte sich nicht, stattdessen öffnete er die Augen. Das Salzwasser brannte. Vor ihm, mit gespreizten Beinen, sein Vater in der schwarzen Badehose. Was hatte sein Trainer gesagt? Konzentriere dich auf einen Punkt, fokussiere, der Wille versetzt Berge. Er presste den Mund zusammen und studierte seelenruhig die wogenden Haare um den Bauchnabel seines Vaters. Sie schlängelten wie die Algen bei der Mole. Dann blieb die Zeit stehen, und es wurde dunkel. 

 

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