Ofenwarme Backware 

 

Der karamellisierte Bäcker kauerte in seinem Ofen. Je nach Richtung, in die sie ihren Kopf drehte, dominierte der verbrannte Zucker oder das triefende Fett. Eigentlich hatte sie den Geruch brutzelnder Steaks und den süßlichen Duft ofenwarmer Apfelkuchen geliebt. Aber damals, 1971, in der stickigen Backstube hatte sie versucht, flach, nur durch den Mund, zu atmen.

 

Es war unerträglich heiß gewesen, und zu viele Leute teilten sich die Luft. Sie konzentrierte sich auf die kleinen Kuchenformen auf dem Tisch vor ihr, gefüllt mit mattgelbem Teig. Gugelhupfe. Umgestülpte Helme von Soldaten. Kindersoldaten, die gegen den mannshohen Industrieofen marschierten; bereit, erhitzt zu werden. 

 

Schwindlig setzte sie sich auf einen abgewetzten Holzhocker und wartete. Der Schweiß färbte ihr hellblaues Uniformhemd dunkel. Sie machte nur in den Semesterferien Sanitätsdienst. Das Geld war für das Medizinstudium. Wer konnte, verließ die Backstube so rasch wie möglich wieder. Nur sie musste warten. Das Protokoll verlangte, dass ein Patient in kritischem Zustand nicht aus den Augen gelassen werden durfte. Kritischer Zustand – er war tot. 

 

Es blitzte und surrte. Ein Polizist schoss Fotos. Sie hob den Kopf. Ein weiterer Blitz. Das schwarz-weiße Negativbild des in sich zusam- mengekauerten Bäckers im Ofen brannte sich in ihre Netzhaut. Sie kniff die Augen zusammen, um das Bild loszuwerden, und lehnte den Kopf an die Betonwand. Was machte der Bäcker verdammt noch mal in seinem Ofen?

 

Auf dem schiefen Blech über ihm lagen verbrannte Apfelkuchen, deren Guss heruntergetropft war. Die dicke Tür des Industrieofens stand offen, hatte ein längliches Fenster und wurde mit einem langen Hebel verriegelt, an dem ein Overall mit Pinsel herumpuderte. Plötzlich stand der Polizist, der der Chef zu sein schien, vor ihr. Auch er war schweißgebadet. Für einen Moment bedauerte sie ihn, da entdeckte sie die Krümel auf seiner Uniform. Er hatte sich oben in der Bäckerei bedient.

 

Er sagte: »Wir sind hier fürs Erste fertig. Sie können ihn in die Gerichtsmedizin bringen.« 

Aus Angst, dass ihre Stimme versagen würde, nickte sie nur.

Der Polizist versuchte, ermutigend zu lächeln. 

Sie stand auf. Die Plastikhandschuhe ließen sich nur widerwillig über die feuchten Hände stülpen. Sie löste den Rücken des Bäckers mit einem Spachtel von der Wand des Backofens. 

 

Zusammen mit dem Sanitäter legte sie die lauwarme Leiche sachte auf die Tragbahre. Dann kratzte sie spröde Haut- und Haarreste ab. Als sie die Tragbahre mit der zugedeckten Leiche durchs Haus trugen, sahen sie ins Wohnzimmer. Vor den zugezogenen Vorhängen saßen auf dem Sofa eine Frau und drei Kinder in kurzen Sommerkleidern. Draußen grelles Sonnenlicht. Journalisten. Mehr Fotos. Aber vor allem frische Luft. 

 

Danach kaufte sie eine Zeit lang ihr Brot nicht mehr ofenwarm auf dem Weg zur Uni, sondern erst am Abend. Der Geruch war dann erträglicher. Heute, als Kinderärztin, wusste sie, dass Menschen ein gutes olfaktorisches Gedächtnis hatten. Sie wusste auch, dass Supermärkte den Umsatz ankurbelten, indem sie künstlichen Duft gebackenen Brotes verströmten. Intellektuell hatte sie es im Griff.
Nur manchmal überfielen sie die Erinnerungen. Die Bilder sprangen sie aus dem Hinterhalt des Gedächtnisses an. Unvorbereitet. Dann sah sie wieder den verdorrten Körper in seinem Stahlgrab. 

 

Letzthin war sie im Supermarkt auf eine Auslage karamellisierter Apfelkuchen gestoßen. Sie flüchtete und geriet in die Fleischabteilung. Schweißausbruch. Flacher Atem. Auf der Werbetafel der offenen Metzgerei stand mit blutroter Kreide: »Leckere Aktion! Marinierte Grillspießchen.« 

 

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